Bem-vindo a Madeira!

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Bem-vindo a Madeira!

16. April 2017 Allgemein, Mag 1

Text und Bilder: Eliana Graf

Es ist bereits Nacht, als ich zum ersten Mal meinen Fuss auf die portugiesische Insel setze, die eigentlich näher bei Marokko liegt und Seefahrern früher als Warenumschlagplatz gedient hat. Angenehm warmer Wind weht mir entgegen. Da bin ich nun. Auf einem der ältesten Vulkane der Welt. Bereit mich der Wellenwucht des Atlantiks zu stellen.

Die Reaktionen meines Umfeldes waren meist in etwa ähnlich, als ich erzählte, dass ich vorhätte, nach Madeira zu fliegen. Entweder kam etwas à la: „Was, dort kann man surfen, das habe ich nun wirklich noch nie gehört!“ oder eher etwas in Richtung: „Was, hast du vor Big Waves zu surfen?“ Nein, das hatte ich natürlich nicht vor, denn das wäre wohl eher einem Selbstmordkommando gleichgekommen. Und auch wenn ich in meinen Leben durchaus schon Zeiten durchgemacht habe, in denen ich etwas verzweifelt gewesen bin, umbringen möchte ich mich definitiv nicht. Denn dafür liebe ich mein Leben zu sehr. Und mein Leben in der kommenden Woche soll aus Surfen von kleinen, netten Wellen bestehen. In Madeira.

Das Surf-House

Als erstes lerne ich Billy und seine Frau kennen, die gemeinsam das Sudden Rush Surfcamp in Madeira führen. Billy ist ein portugiesischer Surfer der ersten Generation. Ursprünglich aus Porto stammend, hat es ihn der Wellen wegen nach Madeira verschlagen. Zum Surf-House ebenfalls mit dazu gehören zwei kleine Kinder, ein Hund namens Kira und eine Shaperwerkstatt. Ja, richtig gelesen, bei Billy kann man nicht nur fest und tief schlafen, sich an die schönsten Spots Madeiras führen lassen, er macht und repariert auch gleich noch das nötige Surfequipment dazu. Mit leuchtenden Augen erzählt er mir, dass er ebenfalls Shaperkurse anbietet und schon einigen Shapern der nächsten Generation das Handwerk gelehrt hat. Ganz nebenbei organisiert er auch noch einige der wichtigsten Surfevents in Portugal. Eine wahre Legende also. Das Surf-House liegt mitten im Ausgangsviertel von Funchal, es ist sehr familiär gestaltet und bietet Unterkunft für bis zu sechs Personen. Es befindet sich im Familienhaus, die Küche wird mit der Familie geteilt und das Wohnzimmer darf auch von den Surfgästen mitbenutzt werden. Ich fühle mich also eher bei einem Local zu Besuch, als in einem Surfcamp, das von lauter besoffenen und grölenden Spätteenies in Beschlag genommen wird. Und so zeigt mir Billy auch ganz stolz seine Fotos auf denen er, ja richtig, es gibt sie doch auch auf Madeira, Big Waves surft. In seiner Werkstatt präsentiert er mir anschliessend die dazugehörigen Surfbretter, richtige, selbstgeshapte Guns. Gerade ist er aber dran ein 7,4 Fuss Brett mit einer grossen Nase für einen Schweizer Surfer herzustellen, das per TAP nach Zürich exportiert werden soll. Neben all den Guns bin ich dann aber beruhigt, als ich doch noch einige Shortboards entdeckte.

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Die Insel

Ganz untypisch, möchte man zumindest den Gerüchten Glauben schenken, dass es auf Madeira nur Big Waves gibt, begrüsst mich die Insel mit einem Flatday, der flacher nicht sein könnte. Ohne Witz, ich habe den Zürichsee kaum je so flach gesehen, wie Madeiras Atlantikküste an meinem ersten Tag. Da gibt es nichts zu machen und ich beschliesse, erst einmal auf Erkundungstour zu gehen. Mit meinem Mietwagen schlängele ich der Küste entlang und tuckere Madeiras steile Strassen hinauf und hinab. Eigentlich dachte ich, dass mich nach dem Befahren des Flüäla- oder Malojapasses kaum noch Bergstrassen aus der Fassung bringen könnten. Leider habe ich meine Rechnung ohne Madeiras Steilküste gemacht. Die Portugiesen haben hier tatsächlich ein Strassenbauwerk der Extraklasse vollbracht. Ganz langsam rattere ich die Strassen im ersten Gang hinunter, begleitet vom Quietschen der Bremsen meines Mietwagens. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt mir, dass ich gerade einer der wenigen Autofahrer, die am Sonntag ebenfalls unterwegs sind, so ziemlich am ausbremsen bin. Nun gut, ich halte kurz an und lasse den Opa mitsamt seiner Oma passieren. Gleichzeitig beschliesse ich, vielleicht doch etwas schneller zu fahren und mein Vertrauen in die Bremsen meiner Mietkarosse zu erhöhen. Etwas weniger gemächlich, aber immer noch in einem mir fremdartig langsamen Tempo, steuere einen der Aussichtspunkte an, esse den ersten Bacalhau dieser Woche und bewundere die Erdkrümmung, die sich auf dem Ozean abzeichnet.

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Picco do Arieiro

Später erklimme ich mit meinem Leihwagen den Picco do Arieiro, der mir wirklich die Sprache verschlägt. Ich bewundere alte, eingestürzte Vulkankrater, die seit zirka 7500 Jahren keine Spuren vulkanischer Aktivität mehr zeigen. Die Lavafelsen sind zackig, porös und lassen verschiedene Diastreme, oder zu Deutsch auch Staukuppen genannt, erkennen. Das sind von Vulkanlava gestaute und später abgekühlte Gänge im Innern des Kraters, wie ich es meinen Schülern zwar bereits mehrmals beigebracht habe, aber noch nie live sehen durfte. Ein späteres Einstürzen der Krater hat diese kompakten Lavaflüsse erst sichtbar gemacht. Mein Geografenherz schlägt höher, als ich auf den Lavaresten über und durch die Krater laufe. Die Felsen sind unglaublich steil, imposant und der Vulkan zeigt deutliche Erosionsspuren. Ähnlich wie der Mauna Kea auf Hawaii, ist Madeira ein Schildvulkan, dessen Lava langsam hervorgequollen ist. Normalerweise fällt der Vulkan deshalb ganz sanft auf dem Weg zum Meer ab. Nicht so in Madeira. Zirka 18 Millionen Jahre Witterung, direkt vom Golfstrom angetrieben, haben den Lavaberg bearbeitet und ihn scharfkantig und unwegsam gemacht. Nur ganz selten entdeckt man auf Madeira das Muster der erstarrten, ehemals sanft fliessenden, Lavaströme.

Dem Niederschlag hat die Insel aber nicht nur die Abtragung der ursprünglichen Form zu verdanken, sondern auch die unglaublich grüne Landschaft gegeben. Auf meiner kleinen Wanderung entdecke ich Blumen und Gewächs, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Ja, da sind sie nun, die endemischen Pflanzen der Insel, die es nirgendwo sonst auf der Welt zu sehen gibt. Ihre Entstehung verdanken sie dem grossen Abstand zum Festland. Die besuchenden Vögel, vorbeiziehenden Winde und Meeresströmungen schleppen nur einige wenige Samen ein, die im Laufe der Zeit langsam und beinahe ohne fremde Einflüsse ihre ganz eigene Evolution vollzogen haben. Dies verleiht der Insel ihren unglaublich individuellen Charakter. Doch nicht nur die Pflanzen zeichnen sich durch ihre Einzigartigkeit aus. Auf Madeira gibt es auch Tiere, die es sonst nirgends gibt.

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Longboard- und Shortboarddays

Nun gut, aber eigentlich bin ich doch zum Surfen hierhergekommen. Lange muss ich nicht warten, am nächsten Tag werde ich mit Wellen belohnt. Und ja, kaum einer wird es mir glauben, die Wellen sind so klein, dass ich mein Surfboard im Auto lasse und mir stattdessen ein Longboard aus dem Surfbrettfundus von Billy ausleihe. Ich geniesse die kleinen, sanften Wellen in vollen Zügen. Das Wasser ist für April unglaublich warm und als ich Billy zuvor gefragt habe, ob ich nun eine 4/3- oder 3/2-Anzug anziehen soll, meinte er nur: „I never surf a 4/3-Wetsuit in Madeira“. Er hat Recht behalten, 3/2 reicht vollkommen aus. Als ich ihn etwas später über das Klima ausfrage, erzählt er mir, dass es in Madeira nie kälter als 5 Grad wird, der subtropischen, afrikanischen Luft sei Dank. Diese Weihnachten habe er sogar in Surfshorts surfen können, was normalerweise nur im Sommer möglich ist.

Mitte Woche beschliesst Billy, mich an einen ganz besonderen Surfspot mitzunehmen. Wir fahren los und ich staune nicht schlecht, als es immer höher hinauf geht. Irgendwann, zwischen Bauernhäusern und Schafen, parkieren wir. Ich schaue mich kurz um, wir befinden uns auf den Hügeln Madeiras, definitiv weit weg von einem Strand. Nun gut, sehr wahrscheinlich werden wir den Spot erstmals aus der Distanz betrachten, um zu schauen, ob es überhaupt Wellen hat. Doch plötzlich sehe ich es. Eine Seilbahn! Ich staune nicht schlecht, mitten im Nirgendwo steht da im vollen Ernst eine orange Gondelbahn. Wir laufen zur Bergstation, und schon von da kann man sie sehen, die Wellen, die uns erwarten. Billy meint, dass ich Glück habe. Der Spot laufe nur einige wenige Male im Jahr. Wir hieven also die Bretter und unsere Neos rein in die Kabine, auf der ich etwas später das Logo einer bekannten Schweizer Seilbahnfirma erkenne. Normalerweise benutze ich ja Gondelbahnen eher im Winter, mit einem Snowboard, es ist kalt, ich schön warm eingepackt und es geht meist auch rauf und nicht runter. Hier ist nun alles umgekehrt. Es ist schön warm, die Bretter etwas grösser, so dass sie gerade noch reinpassen und zum Sport geht es erstmals in die Tiefe. Völlig fassungslos betrachte ich die Seilbahnkabine, in der unsere Bretter darauf warten, dass es zum Meer geht. Immerhin wird mir dank meiner Seilbahnerfahrung aus der Schweiz nicht schwindlig, auch wenn es ganz schön steil ist. Noch mehr ins Staunen komme ich, als ich den Spot sehe. Schön geformte Wellen, klares Wasser und nur zwei Surfer befinden sich im Wasser, die den Spot uns aber bald darauf ganz überlassen. Etwas, wonach man auf dieser Welt lange suchen muss. Ich schiesse einige Bilder und als wir zwei Stunden später aus den Wellenhügeln wieder rauskommen, sind wir beide unglaublich erschöpft, aber glücklich und um eine Surferfahrung reicher.

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Typisch Madeira

Der weitere Verlauf der Woche bleibt ruhig und gemütlich. Für mich also perfekt. Die Wellen sind eins bis zwei Meter hoch, weshalb wir uns geschützte Buchten im Osten der Insel suchen. Ich entdecke die Welt des Longboardsurfens und zwischendurch surfe ich mein fettes Shortboard. Die Spots sind meist leer. Nur an einem einzigen Tag teilen wir die Bucht mit einer Handvoll anderen Surfern aus der Schweiz. Ich lasse mir sagen, dass sich die Insel in den Sommermonaten auch sehr gut für Anfänger eignet. Eigentlich so ab Mai bis Oktober. Den Winter kann man getrost den besseren Surfern überlassen, oder man fliegt spontan hin, wenn die Wellen etwas kleiner sind. Im Frühling und Herbst ist in Madeira die Saison für fortgeschrittene Surfer. Je nach Verhältnissen kann man aber etwas Glück oder Pech haben. Dennoch, Madeira ist eine Insel und von daher gibt es immer Spots, die dem Swell stärker oder schwächer ausgesetzt sind. Man kann die Spotwahl also optimal dem eigenen Surflevel anpassen. Etwas, das man sich aber zu keiner Jahreszeit entgehen lassen sollte, ist ein „prego especial no Bolo do Caco“, eine „Espetada“ und „Lapas“ zu essen.

 

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Über den Autor

Eliana: Die Redakteurin vom WaveupMag ist vor einigen Jahren mit einem Secondhandsurfbrett aus Mozambique zurückgekehrt. Seitdem surft die Maturitätsschullehrerin und Germanistin in beinahe allen Schulferien. Ihr Lieblingsspot ist Peniche in Portugal, wo sie nicht nur der guten Wellen wegen öfters hinreist, sondern dort auch die portugiesische Herzlichkeit über alles liebt. Und sollte sie mal gerade nicht surfen oder Aufsätze korrigieren, so trifft man sie im Winter auf dem Snowboard an, wo sie bereits mehr als 10 Saisons als Snowboardlehrerin verbracht hat.

1 Comment

  1. Maria

    23. Juni 2017
    Antworten

    Wow, das klingt nach einem magischen und interessanten Ort!

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