Die Inspirationskraft des Surfens

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Die Inspirationskraft des Surfens

10. Juli 2017 Allgemein, Mag 0

Text: Eliana Graf, Bilder: Dom Daher

Es ist tatsächlich das Surfen, das Anne-Flores Leben als professionelle Freeriderin nachhaltig geprägt hat. Ohne das Wellenreiten stünde sie nicht dort, wo sie nun steht. Weder als Snowboarderin, noch als Mensch. Doch welche Erfahrungen haben eine solch verändernde Kraft auf ihr Leben ausgeübt? Was verbirgt sich hinter all dem?

Die leuchtenden Augen eines sympathischen Blondschopfes strahlen mich an. Noch vor dem Ende des ersten Satzes den Anne-Flore ausspricht, ist mir eines klar, diese Frau ist voller Energie, Power und Leidenschaft. Was sie macht, das macht sie richtig und zwar mit ganzer Kraft und von ganzem Herzen. Ja, man merkt ihr die Lebensfreude bis in die Haarspitzen an, wenn sie so vor einem steht und vor lauter Begeisterung über das Gesagte etwas herumzappelt. Vor mir befindet sich die Vize-Weltmeisterin und ehemalige Weltmeisterin im Freeriden. Und es dauert lediglich den Bruchteil einer Sekunde, bis wir unser Gesprächsthema gefunden haben. Schnee, Snowboarden und der Stoke des Surfens.

Powerfrau

Zum Freeriden hat Anne-Flore über die Snowboarddisziplin Big Air gefunden. Schritt für Schritt hat sie sich an immer grössere Kicker herangewagt, bis sie irgendwann einmal im Backcountry angelangt ist und an Contests teilgenommen hat. Auf ihr Erfolgsrezept angesprochen und was denn wichtig sei um so weit zu kommen, gibt sie zu, dass es schon eine gewisse Portion Mut dazu brauche, aber noch viel wichtiger sei für sie das Surfen gewesen. In diesem Moment bin ich etwas erstaunt. Surfen? Hat nun Anne-Flore tatsächlich gesagt, dass ihr das Surfen dabei geholfen habe, im Freeriden besser zu werden? Das tönt ja mal ganz spannend und unkonventionell, so dass ich nun mehr als nur ein wenig gespannt darauf bin, was mir Anne-Flore als Nächstes erzählen wird…

Wie das Surfen den Weg in Anne-Flores Leben gefunden hat

Als Anne-Flore etwa 25 Jahre alt war, stagnierte sie im Snowboarden. Sie sei einfach nicht mehr weitergekommen. Der Druck, das Funktionieren in der Snowboardindustrie, das habe ihr Kraft und Motivation geraubt. Also kehrte sie den Bergen für eine Weile den Rücken, tauschte das Bergleben gegen das Strandleben und entdeckte das Surfen für sich. Dabei habe es ihr unbeschreiblich gutgetan, eine absolute Anfängerin im Wasser zu sein und sich jede Welle verdienen zu müssen. Surfen, das ging nicht einfach so. Jeder noch so kleine Erfolg musste erarbeitet werden. Sie lernte also um die Wellen zu kämpfen, was schlussendlich die erhaltenen Wellen unglaublich aufgewertet habe. Dabei löste der kleinste Fortschritt das Verlangen in ihr aus, noch mehr in ihre Surfskills zu investieren.

Anne-Flore ist folglich der neuen Leidenschaft treu geblieben und konnte den Stoke des Surfens sogar mit in die Berge nehmen. Doch nicht nur den Stoke hat sie mit in die Berge genommen. Auch hat sie gelernt, den Flow der Wellen in den Kuppen der Berge zu entdecken. Das habe das Freeriden für sie verspielter gemacht. Und genau das hat es ihr dann ermöglicht, erneut Fortschritte im Snowboarden zu machen. Durch das Surfen hat sie zudem den Ausgleich im Leben als Prosnowboarderin gefunden und so ganz nebenbei absolviert sie dabei ein geniales Training für Schulter-, Nacken- und Rückenmuskulatur. Ein Leben ohne Surfen ist für Anne-Flore nun unvorstellbar geworden. Im Winter ist sie also auf der Suche nach Powder und im späteren Frühling wird diese Suche mit der Suche nach Wellen eingetauscht. Sie lebt den Traum eines jeden brettsportverrückten Schweizers und hat im Surfen dieselben Gefühle wiedergefunden, die sie zuvor bereits im Snowboarden gefunden hatte: Freiheit, Ruhe und ganz viele Momente des Glücks.

Surfing Alaska

Auf ihre Reisen angesprochen und ob sie auch bereits die beiden Sportarten miteinander kombiniert habe, erzählt mir Anne-Flore, dass sie dies so oft wie möglich zu vereinen versuche und gleich darauf ist von ihrer Reise in Alaska die Rede. Letzten Winter, nachdem sie an einem Contest der Freeride World Tour mit einer aussergewöhnlich steilen Linie gewonnen hat, habe sie sich gleich als erstes auf die Suche nach Wellen gemacht. Der Gewinn des Contests sei wichtig gewesen, aber noch wichtiger sei für sie persönlich gewesen, ihre eigene Grenze dabei neu zu definieren. Angetrieben von diesem Erfolgserlebnis, habe sie gesehen, dass in der Nähe des Contests zweieinhalb Meter hohe Wellen angesagt waren. Sofort hat sie sich also auf die Suche nach Surfbuddies und dem dafür notwendigen Equipment gemacht. Dabei ist sie auf einen Surfshop gestossen, dessen Besitzer ihr alles ausgeliehen hat. Eingehüllt in einen 7mm dicken Neoprenanzug, inklusive Mütze, Handschuhe und Boots, hat sie sich anschliessend bald darauf in die Brandung gestürzt. Am Fusse dieser Bergriesen zu surfen, das sei etwas ganz besonders gewesen. Eine ganz eigene magische Welt mit meterhohen, perfekten Wellen mitten im kalten Alaska.

Do it!

Beim Erzählen spüre ich, wie Anne-Flores Stoke bis zu mir hinüberschwappt. Ihre Erlebnisse sind so kraftvoll, dass dabei sogar eigene Erinnerungen in mir wach werden, auch wenn sie natürlich nicht dieselben sind. Von der Magie ihrer Erlebnisse angesteckt haben wir zudem beide gar nicht bemerkt, dass es in der Zwischenzeit draussen dunkel geworden ist. Wir verabschieden uns voneinander und als ich in die dunkle Kälte trete, denke ich ganz still für mich: Ja, so ein Leben wie es Anne-Flore beschrieben hat, das hat schon etwas. Diesen Stoke zu leben und sich davon inspirieren zu lassen, das müssen wir eigentlich alle öfters tun. Einfach Surfen gehen, so oft es nur geht und egal wo man sich gerade befindet. Egal ob im Ozean, im Schnee oder Mitten im Eis.

Das vollständige Interview gibt für unsere französisch sprechenden Leser auf www.waveup.ch. Und wenn du Anne-Flore Ende Saison auf eine Surfreise begleiten möchtest, findest du die genauen Daten ebenfalls auf unserer Homepage.

 

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Über den Autor

Eliana: Die Redakteurin vom WaveupMag ist vor einigen Jahren mit einem Secondhandsurfbrett aus Mozambique zurückgekehrt. Seitdem surft die Maturitätsschullehrerin und Germanistin in beinahe allen Schulferien. Ihr Lieblingsspot ist Peniche in Portugal, wo sie nicht nur der guten Wellen wegen öfters hinreist, sondern dort auch die portugiesische Herzlichkeit über alles liebt. Und sollte sie mal gerade nicht surfen oder Aufsätze korrigieren, so trifft man sie im Winter auf dem Snowboard an, wo sie bereits mehr als 10 Saisons als Snowboardlehrerin verbracht hat.

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