Ein Einblick in die Welt des Big Wave Surfens mit Tom Butler

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Ein Einblick in die Welt des Big Wave Surfens mit Tom Butler

23. Dezember 2016 Mag 0

Seit ein paar Jahren wird Nazaré in Portugal jeden Winter zum Mekka der weltweit besten Big Wave Surfer. Vor ein paar Tagen war die berüchtigte Welle zum ersten Mal Austragungsort der Big Wave World Tour. Wir vom WaveupMag haben uns ein paar Tage vor diesem Event mit dem 27-jährigen englischen Profi-Big Wave Surfer Tom Butler vor Ort getroffen und haben ein paar spannende Antworten im Bezug auf Big Wave Surfing und weitere interessante Themen erhalten.


WaveupMag: In diesem Jahr macht die Big Wave World Tour zum ersten Mal Halt in Nazaré. Du wirst dank einer Wildcard auch mit dabei sein*. Was bedeutet es für dich, dass Nazaré endlich diese grosse Bühne bekommt?

Tom: Für mich persönlich ist es super, dass dieser Event hier stattfindet. Big Wave Surfen auf professioneller Ebene ist ein sehr teurer Sport. Den Swells in letzter Minute nachzureisen ist sehr kostspielig und auch die Ausrüstung kostet viel Geld. Daher gilt, je professioneller die Plattform ist, auf der ich surfen kann, desto grösser sind meine Chancen mich in diesem Sport durchsetzen zu können.
Ausserdem denke ich, dass Nazaré wirklich ein Spot auf der Big Wave World Tour verdient hat. Hier haben wir die grössten Wellen der Welt und dies während des ganzen Winters. Zusätzlich ist es der einzige Tourstop in Europa. Eine World Tour sollte jede Region beinhalten wo grosse Wellen auftreten und da gehört Europa ganz klar dazu.


Am 11.12.2014 hast du mit dem Jetski den deutschen Surfer Sebastian Steudtner in die weltweit grösste Welle des Winters 2014/2015 hineingezogen. Erinnerst du dich an diesen Tag?

Tom: Ja, es war ein wirklich spezieller Tag. Es war ungefähr der vierte richtig grosse Swell in dieser Saison. Das Gute daran war, dass jeder Swell ca. zehn Fuss grösser war, als der Vorherige und wir unser Surfen Schritt für Schritt steigern konnten. Dadurch wurde man von Swell zu Swell sicherer und konnte die Wellen immer kritischer surfen. An diesem besagten Tag waren wir die Ersten im Wasser und die Letzten, die wieder an Land gingen. Wir haben sehr viele Wellen erwischt, was vor allem auch an unserem Partner an Land lag, der uns per Funk informiert hat, welche Wellen wir nehmen sollten.
Diese Personen am Ufer sind extrem hilfreich und wichtig für uns. Sie melden uns jeweils wann die Sets kommen und an welchem Peak sie brechen werden und dass zum Beispiel die dritte Welle vom Set die Grösste sein wird. Wir können uns dann sofort in Position bringen um die beste und grösste Welle zu erwischen.


Diese gesurfte Welle entfachte vor allem in den Medien eine riesige Diskussion über den Weltrekord im Surfen und wie eine so grosse Welle korrekt gemessen werden kann. Findest du nicht, dass die Jagd nach Rekorden nicht wirklich dem lockeren Lebenstil eines Surfers entspricht?

Tom: Eine Goldmedaille, ein Titel oder ein Rekord, das ist alles sehr wichtig für einen professionellen Sportler. Du kannst als Profi-Surfer nicht überleben, wenn du nicht immer den Sieg anstrebst. Auch wenn du ein spiritueller «Freesurfing-Borderline-Hippie» bist, dann kannst du das nur machen, wenn du viel Geld im Hintergrund hast. Ansonsten müssen auch die viel Arbeit reinstecken, damit sie ihre Sponsorenverträge erhalten, was dann auch viel beinhaltet und wahrscheinlich nicht wirklich zum Free-Spirit des Surfens passt.
Einen Rekord aufzustellen ist ziemlich praktisch. Wenn du einen Rekord hast, dann ist das ein klarer Beweis, dass man der Beste ist. Damit bekommt man wiederum viel Aufmerksamkeit in den Medien und hoffentlich ein paar gute Sponsorenverträge.


Wie wichtig ist die Grösse der Welle für dich persönlich?

Tom: 95% aller Surfer würden wahrscheinlich sagen, dass ein Barrel ihre Traumwelle ist. Das gilt auch ganz klar für mich. Für mich zählt jedoch, je grösser, heftiger und anspruchsvoller das Barrel, desto besser. Die Grösse der Welle ist daher auf alle Fälle sehr wichtig für mich. Je grösser, desto besser!


Buzzy Trent, ein hawaiianischer Big Wave Surfer der ersten Stunde hat gesagt: «Big waves are not measured in feet, but in increments of fear» (dt: «Big Waves werden nicht in Feet (ca. 30cm), sondern mit der Zunahme der Angst gemessen»). Würdest du diesem Zitat zustimmen?

Tom: (nach kurzem Überlegen) Ja, das würde ich sofort unterschrieben. Eine 15ft Welle kann viel furchteinflössender sein, als eine 20 bis 30ft hohe Welle. Die möglichst gefährlichste grosse Welle zu surfen ist schon das Ziel, das ich als Big Wave Surfer habe.

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Die grössten Wellen eines Swells sind rund doppelt so gross wie die durchschnittliche Wellenhöhe. Wenn du im Lineup bist, dann können solche Ausreisser ziemlich üble Konsequenzen mit sich bringen. Wie gehst du mit dieser Gefahr um?

Tom: Es kommt darauf an. Beim Tow-In-Surfen bist du ziemlich auf der sicheren Seite. Da kann man meistens genug schnell reagieren. Beim Paddling-Surfen von Big Waves ist es dann schon eine andere Geschichte. Dort braucht es wirklich Können, Commitment, eine gute Vorbereitung und man muss mental bereit sein. Es geht nur darum am richtigen Ort zu sein. Bei der Welle in Nazaré ist das ziemlich schwierig, weil es mehre Peaks gibt und sie nicht immer am gleichen Ort sind.
Richtig grosse Wellen in Nazaré anzupaddeln ist zum Teil auch eine Glücksache. Manchmal hat man einfach Pech und sieht grosse Wellen an einem Ort brechen, geht dorthin und verpasst die Wellen. Dann geht man zu einem anderen Peak und verpasst auch dort die Welle. Du musst vor allem geduldig sein. Eine bis zwei Wellen pro Session sind absolut genug.


Wie lange bist du normalerweise im Wasser?

Tom: Während grossen Swells sitze ich im Durchschnitt rund vier Stunden draussen. Manchmal sind es jedoch auch acht, manchmal nur zwei Stunden. Die meisten grossen Swells kommen für ca. drei bis vier Tage. Zuerst kommt der Swell, dann wird er immer grösser, erreicht sein Maximum und wird dann wieder schwächer. Um Fortschritte erzielen zu können, ist es sehr wichtig, dass man dann möglichst viel Zeit im Wasser verbringen kann. Genau bei diesem Punkt kommt dann auch die Fitness ins Spiel.
Wenn du dann schon erfahren bist und du Winter für Winter grosse Wellen gesurft hast, dann ist das Vorgehen zum Teil ein bisschen anders. Bei drei bis vier guten Tagen hintereinander wählst du dir nur noch einen wirklich speziellen Tag aus und hoffst dann einfach, dass du den richtigen Zeitpunkt mit den besten Bedingungen ausgewählt hast.


Während meiner Zeit hier in Nazaré habe ich gesehen, dass du einerseits die Wetter- und Surfvorhersagen gut anschaust, aber dass du vor allem einen grossen Wert auf den Surfcheck am nächsten Morgen legst. Ist es in deinem Interesse, dass die Forecasts noch verbessert werden, damit so ein Surfcheck eventuell gar nicht mehr nötig wäre?


Tom
: Ich glaube, dass die Qualität der heutigen Vorhersagen gut genug für mich ist. Natürlich wäre es toll, wenn sich Vorhersagen noch verbessern und genauer werden würden. Aber ich glaube nicht, dass die Änderung von wie es jetzt ist und wie es eventuell noch werden könnte, wirklich signifikant wäre. Es ist cool, dass es bereits heute so viele verschiedene Websites gibt, die dir sagen, wo und wann du die besten Bedingungen erwarten kannst.
Als ich mit dem Big Wave Surfen begonnen habe, gab es noch keine guten, modernen Surfforecasts. Einen Flug nach Portugal nur fünf Tage im Voraus zu buchen wäre eventuell eine reine Geldverschwendung gewesen. Aber jetzt kannst du bereits eine Woche im Voraus einen ziemlich realistischen Plan machen. Der unsichere Teil ist auch heute noch der Zeitraum zwischen einer Woche und drei Tagen im Voraus, da in dieser Zeit noch viel passieren kann. Und wenn du dann viel Geld für die Flüge ausgegeben hast und der Swell am Tag x nicht wie erwartet eintrifft, dann ist das schon nicht so toll.


Der Klimawandel bewirkt, dass das Extremwetter und somit auch die grossen Wellen in Zukunft an Intensität gewinnen werden. Auf den ersten Blick könnte man also meinen, dass der Klimawandel etwas Gutes für all die Big Wave Surfer ist? Findest du das auch?

Tom: Ehm, nein natürlich nicht. Ich bin mit den Wellen so wie sie jetzt sind ziemlich zufrieden. Aber um ehrlich zu sein trägt jeder auf irgendeine Art und Weise Mitschuld an der jetzigen Situation. Alle sprechen über den Klimawandel ohne sich hundertprozentig korrekt und nachhaltig zu verhalten. Ich werde hoffentlich eine erfolgreiche und lange Karriere als Big Wave Surfer haben. Dies ist jedoch mit dem Verfolgen der besten Swells und somit mit vielen Flugstunden verbunden. In Bezug auf die Umwelt ist das natürlich nicht so super, das ist mir schon bewusst.


2020 wird das Surfen zum ersten Mal an den olympischen Spielen vertreten sein. Wirst du versuchen für Grossbritannien daran teilzunehmen oder konzentrierst du dich voll und ganz auf die Big Wave World Tour?


Tom
: Ich würde liebend gerne als Vertreter von Grossbritannien an die olympischen Spiele fahren. Das wäre schon cool. Aber ich habe zurzeit keine Ahnung wie viele Surfer pro Nation schlussendlich gehen können und wie das ganze Auswahlverfahren ablaufen wird. Es gibt sehr gute Shortboard-Surfer in Grossbritannien und ich würde wahrscheinlich schon eher meine Zeit und Anstrengung in meine Karriere als Big Wave Surfer stecken. Denn das ist es, was ich am meisten liebe und wo ich auch auf dem höchsten Level mitsurfen kann.


In Japan 2020 wird die Disziplin Surfen im Meer ausgetragen. Es gibt jedoch viele Leute, die sich den Wettkampf in einem Wavepool wünschen würden. Wie stehst du dazu?

Tom: Ich bin noch nie in einem Wavepool gesurft, daher kann ich jetzt auch nicht sagen, wie stark es vom normalen Surfen abweicht. Aber an den olympischen Spielen geht meiner Meinung nach kein Weg an den Wavepools vorbei. An den olympischen Spielen geht es vor allem um Fairness. Diese Fairness kann nur mit einem Wavepool erreicht werden. Ohne Wavepools müssten die olympischen Spiele ausserdem immer an einem Ort sein, wo es einen guten Surfspot in der Nähe hat und früher oder später hätte man damit wahrscheinlich ein Problem. Auch finanziell sollte ein Wavepool für einen solchen Grossanlass kaum ins Gewicht fallen.


Ok, nun noch eine letzte Frage: Kannst du mir deine perfekte Welle beschreiben?

Tom: Die perfekte Welle ist für mich definitiv Mullaghmore in Irland (siehe Bildstrecke unten). Diese Welle ist einfach «sick»! Es ist ein Lefthander, also kann ich sie frontside absurfen. Die Welle bricht in einem massiven Barrel und auch wenn die Wellen unglaublich gross sind, kannst du dich immer noch reinziehen lassen. Und auch das Reinpaddeln funktioniert dort bei massiven Wellen. Ab 12ft plus funktioniert die Welle perfekt während allen Gezeiten. Es ist auch für mich persönlich eine sehr spezielle Welle, da ich dort in meine ersten riesigen Wellen reingezogen wurde und für eine gesurfte Welle in Mully meine erste Nominierung für einen XXL-Bigwave Award erhalten habe.


Warum bist du dann während des Winters nicht in Irland, sondern hier in Nazaré?

Tom: (lacht) Weil es in Irland einfach unbeschreiblich kalt ist. Ich habe schon Winter dort verbracht. Aber leider ist die Welle auch nicht so konsistent wie hier in Portugal. Und eben, die Kälte ist wirklich schrecklich.

*Anmerkung der Redaktion: Tom musste bei der Big Wave Nazaré Challenge 2016 nach einem üblen Wipeout in den Viertelfinals aufgeben. Im Spital wurde danach Wasser in seinen Lungen festgestellt. In diesem Sinne: Gute Besserung Tom!

Big Nazaré (Foto by Vitor Estrelinha)

Big Nazaré (Foto by Vitor Estrelinha)

Tom Mitte Dezember 2016 in Nazaré (Foto by Guilherme Soares).

Tom Mitte Dezember 2016 in Nazaré (Foto by Guilherme Soares).

Tom Mitte Dezember 2016 in Nazaré (Foto by Guilherme Soares).

Tom Mitte Dezember 2016 in Nazaré (Foto by Guilherme Soares).

Tief im Barrel von Mullaghmore, Irland (Foto by Ian Mitchinson).

Tief im Barrel von Mullaghmore, Irland (Foto by Ian Mitchinson).

Tom in einem Monster in Mullaghmore (Foto by Vincent Kardasik).

Tom in einem Monster in Mullaghmore (Foto by Vincent Kardasik).

Links: Sebastian Steudtner auf der grössten Welle des Winters 14/15, rechts: Tom Butler auf dem Jetski (Foto by Luzian Schmassmann)

Links: Sebastian Steudtner auf der grössten Welle des Winters 14/15, rechts: Tom Butler auf dem Jetski (Foto by Luzian Schmassmann)


Titelbild by Vincent Kardasik

 

 

Über den Autor

Luzian: Meteorologe / Surf-Forecaster / Redakteur WaveupMag und leidenschaftlicher Surfer

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